Vom Fremdsein

Bevor ich Euch etwas von unserer Reise zum Tanganyika See schreibe habe ich hier ein paar Gedanken zum Fremdsein, die ich schon länger loswerden wollte :

Ich sitze im Krankenhaus. Mir geht es gut - Tobi wird gerade untersucht. Ich warte darauf, dass er von der Behandlung zurückkommt und beobachte die Menschen um mich herum.
Rund um den Innenhof stehen Bänke, fast alle voll mit Menschen, die irgendwen Besuchen wollen, oder selbst irgendein Leiden haben. Nur ich sitze alleine auf meiner.
Ich habe mich auf die letzte freie gesetzt, um von vornherein zu verhindern, dass jemand aufsteht, wenn ich mich zu ihm setzte.
Die Blicke, die mich während der Platzsuche verfolgt haben, wirkten auf mich skeptisch, fast schon abweisend...

Mir gegenüber spielt ein Junge an einer Stange, die das Vordach des Innenbereiches stützt. Ich beobachte ihn, wie er an ihr rüttelt, seine Kraft testet. Er ist vielleicht 4 Jahre alt.
Plötzlich treffen sich unsere Blicke und er erstarrt. Mzungu...
Er starrt mich an, den Mund halb offen. Nach einer Weile winke ich vorsichtig. Er scheint zu zögern, doch erwiedert den Gruß nicht. Stattdessen weicht er langsam zurück, sucht hinter der Stange Schutz, die er gerade noch ausreißen wollte, zu seinem Feind erklärt hatte.
Während er zu seiner Mutter zurückgeht, schaut er immer wieder zu mir. Ob ich noch da bin, ob ich immernoch diese komische helle Haut habe. Als glaube er, nur einen Geist gesehen zu haben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auf kleinere Kinder ab und zu wie Geister wirken. Wir sind für sie nicht einschätzbar, da wir uns ganz normal unter ihnen bewegen und doch augenscheinlich komplett anders sind.
Und dieses Anderssein können wir nicht ablegen, wie eine Kamera um den Hals oder Socken in Sandalen.
Wir werden das ganze Jahr über anders sein.
So wie die Leute, mit denen wir öfters etwas zu tun haben, sich an uns gewöhnen werden, werden wir uns ans Fremdsein gewöhnen.
 
Und es ist umso schöner für uns, dass nicht alle diese Angst vor den Fremden, vor den Geistern haben, die ja letzten Endes auch garkeine bösen Geister sind.
Manche Kinder rennen nämlich hinter uns her, statt von uns weg. Schlagen die Hände vor die Augen, wenn wir uns umdrehen und sie anschauen. Spielen quasi Ochs-vorm-Berg mit uns.
Wenn sie dann durch ihre Fingerritzen spicken und wir sie immernoch angucken, rennen sie lachend und schreiend weg.
Aer nur bis wir uns wieder umdrehen, dann können sie uns wieder "heimlich" verfolgen.
Daran haben sie so viel Spaß, lachen so ausgelassen, dass man meint sie hätten noch nie etwas lustigeres und tolleres erlebt, als diese komischen weißen Menschen, die sie angucken.
Man kann einfach nicht anders als mitlachen.

Es heißt ja, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter nicht Lügen können. Mit dem Emotionen-zeigen verhält es sich vielleicht ähnlich.
Denn auch wenn ich nur über Kinder geschrieben habe, denke ich dass auch Ältere oft ähnlich denken und fühlen, es einfach nicht zeigen und somit für uns schwer einschätzbar werden.
Fast alle sind interessiert, wenn sie uns sehen. Wollen wissen wo wir herkommen, was wir machen, sich mit uns unterhalten. Ob das jedoch immer ein ehrliches Interesse ist, oder ein Hoffen auf Ansehen/Geld durch Kontakt zu einem Weißen, weiß man nicht und wird man selten erfahren.
 
Das Tolle ist jedoch, dass diese zweite positive Seite die stärkere ist. Ich zähle nicht mit, wie oft die eine Reaktion kommt und wie oft die andere, doch das Grundgefühl ist ein positives.
Die guten Erfahrungen verdrängen die schlechten und nicht umgekehrt.

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Kommentare: 1
  • #1

    Rainer (Dienstag, 21 September 2010 21:44)

    Hi Pascal,

    jetzt, wo du in Afrika bist, erfahren wir mehr von dir als in den 19 Jahren davor. Aber in Heidelberg hattest du ja auch keinen blog, soweit ich weiß...
    Deine Gedanken zum Fremdsein kann ich jetzt sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich selbst nie in so einer Situation war, sondern höchstens mal als Pfälzer in Baden.

    Bin schon gespannt auf deine nächsten Berichte.